Zeichnungen / Baurisse

Freimaurer Zeichnungen Baurisse in Basel

Mit einer Zeichnung (auch Bauriss genannt) werden Wissen und Erfahrungen eines Mitgliedes in Form eines Vortrages weitergegeben.

Es gilt dabei seine persönlichen, aber auch andere Sichtweisen zu berücksichtigen, zu reflektieren und nicht zu polarisieren.
Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema erweitert das vortragende Mitglied aber auch die Zuhören ihren Horizont...


Zeichnung vom Daniel S, Videokonferenz von 09.03.2021:
(Wegen Copyright leider ohne Bilder)

Einsamkeit und Alleinsein während der Pandemie

Das Thema des heutigen Abends verdankt Ihr Br. Marcel, dem ich herzlich für den Vorschlag danke. Einsamkeit und Alleinsein betreffen jeden von uns, bereits vor der Pandemie und spätestens seit Beginn der Pandemie. Daher vielen Dank für den Input – ihr dürft Euch nachher auch bei ihm beschweren, wenn es schlecht war.

In Vorbereitung für diese Zeichnung stelle ich mir die Grundsatzfrage, wie Einsamkeit uns beeinflusst. Um dieser Frage nachzugehen, musste ich zunächst verstehen, was Einsamkeit eigentlich ist – obwohl man sie regelmässig spürt, so ist der Begriff an sich schwer greifbar und wir alle fühlen unterschiedlich. Daher die Fragen:


 

Was ist Einsamkeit? Was macht Einsamkeit mit uns? Gemäss einer Studie von 2019 fühlen sich 7% der Europäer regelmässig einsam,, 18% sind sozial isoliert. Einsamkeit, so die relevante Wissenschaft, hat viele Gesichter. Mendelson definierte die Einsamkeit als die Trauer über das Alleinsein, einem Begriff zu dem ich später kommen werde (Mendelson 1990). Für die einen ist es physische Isolation oder bereits das Wissen, dass andere in einer Gruppe sind, während man alleine ist. Für andere wiederum ist es ein tiefgründiges Gefühl von Verlassenheit, mit oder ohne Mitmenschen. Einsamkeit ist ein komplexes Phänomen und hat keinen einzigen und klar abgrenzbaren kausalen Ursprung, so wie ein Kind welches im Kindergarten keine Freunde finden kann und vom Lehrer für schlechtes Benehmen in die Ecke gestellt wird ganz andere Beweggründe hat, sich einsam zu fühlen, als eine ältere Person, welche Abschied von einem geliebten Menschen nehmen musste und nun mit der neuen Situation umgehen muss (Tiwari 2013).

Das Nichtdazugehören zu einer Gruppe, scheint von vielen als Einsamkeit angesehen zu werden. In diesem Kontext sind die Erkenntnisse von John Cacioppo relevant, einem leider im Alter von 66 Jahren verstorbenen Forscher von der University of Chicago. Gemäss zahlreichen Artikeln sogar dem Forscher auf dem Gebiet der Psychologie der Einsamkeit:

Cacioppo konnte in zahlreichen Studien basierend auf Forschung am menschlichen Gehirn, Analysen des Blutdrucks, der Immunreaktion, der Stresshormone und sogar der Genexpression demonstrieren, dass Menschen viel stärker voneinander abhängig sind - sowohl physisch als auch psychologisch - als wir dachten.

Hirnscan-Studien zeigen, dass subkortikale Hirnregionen, wie das ventrale Striatum aktiv werden, wenn wir Qualitätszeit mit einem anderen Menschen verbringen. Wenn wir uns einsam und zurückgewiesen fühlen, werden stattdessen Gehirnregionen aktiviert, die mit Kummer assoziiert sind.

 

Cacioppos Ergebnisse zeigen auch, dass anhaltende Einsamkeit genauso gesundheitsschädlich sein kann wie Rauchen oder Fettleibigkeit. Das Überleben unserer Vorfahren wurde, so Cacioppo, nicht von grösseren Muskeln, also der puren Stärke des Einzelnen, definiert, sondern unter anderem von menschlichen Beziehungen zueinander und gegenüber anderen. Der Schmerz der Einsamkeit diente als Ansporn, als Angst, soziale Bindungen zu verlieren und bewirkte bei Streitigkeiten innerhalb einer klar abgrenzbaren Gruppierung eine Angststörung, die so stark war, dass noch heute, Millionen von Jahren später, ein anhaltendes Gefühl der Ablehnung oder Isolation die DNA-Transkription in unseren Immunzellen beeinträchtigen kann und uns dazu anhält, uns mit unseren Gefährten aus der gleichen sozialen Gruppe zu versöhnen oder zumindest wieder zu vertragen. (Cacioppo & Patrick 2008).

 

NASA-Forschung an Astronauten im All untersuchte die Auswirkungen von langanhaltenden Perioden von Einsamkeit. William Paloski, ein leitender NASA-Forscher, kam durch diese Studien zum Schluss, dass Isolation und Einsamkeit ähnliche Effekte auf einen Menschen haben, wie das Einsperren auf sehr engem Raum. Dieses Gefühl nimmt im Laufe der Zeit zu, der imaginäre Raum wird kleiner und kleiner, der Mensch scheint weiter und weiter weg von der Erde und seinen Artgenossen. Ein Phänomen, welches auch Matrosen in U-Booten trifft. Angst folgt, den Anschluss zu verlieren, nicht mehr Teil der designierten Gruppe zu sein, alleine zu sein, schwach zu sein – entgegen jeglichen heutigen Denkmustern einer westlich-individualistischen Geisteshaltung, wonach jeder selbst seines Glückes Schmied ist.

 

 

Bereits die Antiken Griechen kannten Einsamkeit. Es ist sogar ein zentrales Thema der alten Hellenen und ihrer Mythologie. Jeder Charakter in der Griechischen Mythologie lebte, kämpfte, zeugte, sprach: und starb doch allein. Im Tod wanderte die Seele alleine im Hades – ganz im Kontrast zu den Vorstellungen von Tod und Jenseits in unseren Kulturkreisen. Aus dieser Furcht heraus entwickelte sich bei den Griechen ein Todesdrang: Ein wahrlich heroischer Tod war nämlich immer mit einem Sterben in Kriegen und Schlachten als Soldat oder Feldherr verbunden – ein Sterben, Seite an Seite mit anderen Soldaten. So wie Agamemnon, der Anführer der Griechen vor der Schlacht von Troja, der überlebte, nur um nach seiner Rückkehr vom Liebhaber seiner Frau Clytemnestra ermordet zu werden. Als er Odysseus im Hades wiedersieht gibt er verbittert zu, dass er doch lieber in der Schlacht gefallen wäre, um letztlich nicht alleine zu sein.

In anderen Worten: Einsamkeit ist eine Art Schutzmechanismus, um Teil einer Gruppe zu bleiben und somit vor brutalen Konsequenzen in der Wildnis oder potenziellen Angriffen anderer Gruppierungen auf das eigene Lager geschützt zu werden, und gleichzeitig ein Auslöser von Angst, welche uns dazu bewegen soll soziale Bindungen wieder herzustellen und um das Zusammenleben in einer Gruppe zu regeln.

 

 

Und obwohl der Begriff «Einsamkeit» erst um 1800 Eingang in unsere Sprache fand, kannte die westliche Welt die Idee davon weitaus früher. So sagte G-tt in der Torah, oder dem christlichen Alten Testament in Bereshit (Genesis) 2:18: יח  וַיֹּאמֶר יְהוָה אֱלֹהִים, לֹא-טוֹב הֱיוֹת הָאָדָם לְבַדּוֹ; אֶעֱשֶׂה-לּוֹ עֵזֶר, כְּנֶגְדּוֹ = HaAdam, Levado Easeh Lo Ezer Benegdo Iach Veiamer Adonai Elohim Lo Tov Heiot. Zu Deutsch: Dann sprach G-tt, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. So entsprang Adams Rippe Chava, zu Deutsch Eva, um zur Gesellschaft zu werden. Es war also die Einsamkeit, welche die Gemeinschaft begründete. Es war die Inexistenz, welche die Existenz entstehen liessen, so wie ein Glas oder ein Behälter auch erst durch die Leere definiert wird, welche es umspannt. Es sind die Pausen, nicht die Noten – frei nach Artur Schnabel – welche die Musik erklingen lassen. Die Kommata, welche dem Wort Ausdruck verleihen. Und nicht umsonst ist es der menschliche Säugling, wegen seiner säuglingshaften Passivität beinahe inexistent wird, der aufgrund seiner langen Gestationszeit durch seine Eltern geschützt und ernährt werden muss, bis er in der Lage ist, sich selbst zu ernähren und zu schützen – ein Jahrzehntelanger Prozess in westlichen Ländern. Doch der menschliche Säugling bleibt nicht ewig ein Säugling. Er wächst heran, optimalerweise stärker, schöner, schlauer, reicher und gesünder als unsere Generation, bereit, um sich weiter fortzupflanzen. Gewissermassen schaffen wir neues Leben, dass besser werden soll als das unsere – eine evolutionäre Version des amerikanischen Traums. Der Säugling repräsentiert den Ist-Zustand, während wir und später der Säugling nach dem Soll-Zustand streben werden. Es ist der letztlich der Säugling, der die Eltern realisieren lässt, dass sie nicht ewig jung sein werden. Dass sie nie mehr schöner, nie mehr stärker, nie mehr fruchtbarer sind, als in diesem Augenblick. Es ist der Säugling, der sie daran erinnert, dass das Leben endlich ist, während er heranwächst und langsam vom Soll-Zustand in den Ist-Zustand wechselt. Der Zyklus des Lebens.

 

 

Ich sprach vorhin von Adam und Eva, von Inexistenz und Existenz. Doch der Gedanke geht weiter. Gott schuf Adam in erster Linie, um den Menschen danach streben zu lassen, wonach gestrebt werden soll. Während G-tt den Soll-Zustand darstellt, musste ein Äquivalent geschaffen werden, welches den Ist-Zustand definiert, um dem Soll-Zustand zu definieren. Die Einsamkeit, war nur der Katalysator, welcher G-tt realisieren liess, dass es einen Ist-Zustand bedarf, um den Soll-Zustand abzugrenzen und der Katalysator für die Eltern, welche sehen wollen, dass ihr Erbe fortlebt, oder klarer: fortleben soll. Der Ist-Zustand ist die unbezahlte Rechnung, der Neid des Nachbarn, der leere Kühlschrank, der unerfüllte Traum. Der Soll-Zustand hingegen ist unser abgeschlossenes Projekt bei der Arbeit, das empfangene Diplom, der Moment, an dem wir kurz vor der Ziellinie mit letzter Kraft einen Sprint hinlegen, das Füllen des Kühlschranks, das Erfüllen des langersehnten Traums. Der Ist-Zustand ist unser Ableben, der Soll-Zustand die Zukunft der Menschheit. Nicht umsonst steht die Vertreibung aus dem Paradies für ein ewiges Streben nach dem Soll-Zustand, eines ewigen Kampfes: Adam muss auf ewig arbeiten, bis ihm der Schweiss im Gesicht steht, nur um zu realisieren, dass morgen ein neuer Tag anbricht, an dem er wieder nicht erreichen wird, was er sich heute vorgenommen hat. Und auch wir würden vermutlich nackt durch die Wohnung spazieren, wenn nicht die Nachbarn uns an den von der Aussenwelt diktierten Soll-Zustand erinnern würden.

Wenn wir nun diese Betrachtung auf die aktuelle Situation ummünzen, ergibt sich folgendes Bild und erklärt, warum wir uns im Lockdown einsam fühlen. Vor dem Lockdown waren wir uns daran gewöhnt, jederzeit und so oft wir wollten menschliche Beziehungen pflegen zu können (vorausgesetzt, diese existierten vor dem Lockdown anlässlich der Pandemie). Nun wurden uns diese schlagartig aufgrund einer Vielzahl an Gründen verwehrt. Sei es wegen Reisebeschränkungen, fehlenden Zugangsmöglichkeiten, finanziellen Konsequenzen aufgrund eines allfälligen Jobverlusts oder Angst vor Krankheit und Tod seiner selbst oder des Umfelds.

Und doch, waren wir vor dem Lockdown viel direkter mit unseren menschlichen Grenzen konfrontiert, als vor dem Lockdown: Wer sich den Ferrari nicht leisten konnte, wurde durch sein Vorbeifahren in der Innenstadt daran erinnert. Wer keinen Marathon rennen konnte, sah sich mit den Topathleten die es konnten regelmässig konfrontiert. Wer sich immer darüber geärgert hat, dass der Chef bessere Anzüge und schönere Autos fährt, muss sich diese Qual nun nicht mehr antun – man sitzt zuhause und thront höchstens noch auf dem Klo.

Die Aussenwelt, also die Existenz der Optionen, der Soll-Zustand in unserer kleinen, subjektiven Welt, wurde uns vor der Pandemie viel stärker vor Augen geführt. Warum?

Definierte die Aussenwelt bis anhin den Soll-Zustand und erlaubte uns in unserem Denken eine Zuordnung zu einer bestimmten sozialen Schicht, einen Vergleich mit den vielen Menschen um uns herum, in anderen Worten uns selbst besser zu verstehen, resultierte ein sich Zurückziehen in die eigenen vier Wände aufgrund der Pandemie mit einer Verzerrung unserer eigenen subjektiven Fähigkeiten. Der Soll-Zustand verschwand plötzlich, weil der Kontakt zu Freunden, Familie, Bürokollegen, der Realität vor unseren eigenen vier Wänden, nicht mehr möglich gewesen ist. Ich könnte mir – wenn ich mich effektiv selbst betrügen wollte – einreden, dass jetzt in diesem Moment vor meiner Haustür alle Menschen Chinesisch reden und ich in Beijing wohne, genauso wie es durchaus möglich wäre, dass jeder einen Ferrari fährt, mein Chef immer nackt zur Arbeit geht und Kühe plötzlich fliegen können. Eine unmittelbare Kontrolle wäre nur mittels eines Blicks durch das Fenster möglich, also einem kurzen Prüfen der realen Verhältnisse des Soll-Zustands draussen.

 

 

Der Lockdown liess den Soll-Zustand mit dem Ist-Zustand verschmelzen. Unsere Realität und unsere Ziele, reduzierten sich auf die eigenen vier Wände. Anfänglich tat uns dies gut. Kürzere Anfahrtswege, längerer Schlaf, mehr Zeit mit den Liebsten. Wir waren plötzlich im Paradies angekommen, an dem Ort, an dem der Soll-Zustand unser Ist-Zustand wurde. Eine Welt, in der wir Herrscher über die zu beherrschende Welt wurden – allmächtiger Baumeister aller? – nein, einer einzigen, nämlich der unseren Welt.

Das Paradies ist der Ort unendlicher, pastoraler Freude und Sorglosigkeit. Ein luxuriöses Land, ein Ort, an dem für alles und jeden immer gesorgt ist, an dem Milch und Honig fliessen und Kriege der Vergangenheit angehören. In eschatologischen Kontexten wird das Paradies als Aufenthaltsort der tugendhaften Toten imaginiert. Im christlichen und islamischen Verständnis ist der Himmel ein Erlösungsort. Im altägyptischen Glauben ist die jenseitige Welt Aaru, die Schilffelder der idealen Jagd- und Fischgründe, in denen die Toten nach dem Jüngsten Gericht lebten. Letztendlich eine Welt, bevor sie vom Bösen befleckt wurde.

Doch das Paradies hat – vor dem Hintergrund seiner Unerreichbarkeit nach unserer Vertreibung – eine dunkle, weniger bekannte Seite. Wenn wir unseren Blick auf die Etymologie des Worts «Paradies» richten begreifen wir, wie eng verknüpft dieser Begriff mit unserer aktuellen Lage doch ist. Das Wort «Paradies» fand Eingang ins Deutsche und Englische aus dem Französischen, nämlich «paradis» – seit jeher ist uns doch allen bewusst, dass es sich wie G-tt in Frankreich leben lässt, ist man der Sprache und Kultur der Grande Nation mächtig. Das Französische hingegen erbte den Ausdruck aus dem Lateinischen, von «paradisus», welches es seinerzeit aus dem Griechischen (παράδεισος) «paradeisos» übernommen hat. Das Wort greift aber noch viel weiter, nämlich ins Antike Persien, auf dem Gebiet des heutigen Irans. Im Alt-Persischen, einer Proto-Arischen Sprache stammt das Wort «paradaijah», was so viel heisst wie «Mauerwerk» oder «ummauertes Gebiet», was durch Forschende der Proto-Indo-Europäischen Sprache bestätigt wurde, da dieses Wort wiederum vom Ausdruck «dheig», also der «Wand» stammt.

 

 

Und dieser abgeschirmte Ort, scheint ziemlich schwer zu erreichen sein, trennen uns doch Himmel, Gestirne, das ganze Universum und dazu noch Sieben Himmel, welche jeweils von verschiedenen Engeln und Erzengeln regiert wird – kurzum: Ein schwer erreichbarer Ort, wobei unser ewiges Streben nach etwas Höherem ganz im Sinne der Worte der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika «the pursuit of happiness» reflektiert wird. Nicht umsonst sagt ein Verliebter, dass er im «Siebten Himmel» schwebt – doch Glück und Glückseligkeit sind kein anhaltender Status, sondern eine Schnappschuss.

Es singen zahlreiche Popstars von der Einsamkeit Zeilen wie «I’m better of alone, I never needed you anyway», was dann doch im starken Kontrast steht zu den Gefühlen, die kurz vorher im Liebeshauch von den Lippen gingen und wenn wir mal ehrlich sind, jedes Mal eher wie eine narzisstische Beschwichtigung unseres eigenen Egos klingen, als etwas was wir wirklich ernst meinen.

Wie kann es also sein, dass wir nun, in diesem eingemauerten Wunderwerk, namens Zuhause, unserem kleinen Paradies, angekommen sind? Und das, inmitten einer Pandemie?

Denn wir kommen zum Schluss, dass es im Paradies doch ziemlich einsam sein muss. Nie werden wir den Soll-Zustand erreichen, der vorausgesetzt wird, um dort Eingang zu finden. Wir werden immer nur «b’tselem Elohim», also nach G-ttes Bild geschaffen, aber niemals Gott sein.

Und so langsam wurde uns diese Verschiebung der Grenze des Soll-Zustands bewusst. Langsam aber sicher entdeckten wir, dass die Grenze in unseren vier Wänden enger und enger gezogen wurde, bis wir eines Tages realisierten, dass wir feststecken. Was soll und kann noch erreicht werden, wenn man nicht mehr mobil und frei ist? Durch diese neu aufgezeigten Grenzen, die Einschränkungen, wurden wir, die Generationen, welche in demokratischen Systemen aufgezogen wurden und nach dem Krieg geboren wurden, erstmals mit Hindernissen unserer demokratischen Freiheiten konfrontiert. Es ist eine Konfrontation mit der Realität, wonach demokratische Grundwerte keineswegs selbstverständlich sind, auch wenn sie heute mehr denn je als selbstverständlich wahrgenommen werden.

Wahre Einsamkeit ist somit eine Beschränkung der Grenzen des Soll-Zustands: Die Erkenntnis des ungezogenen Kindes, dessen Welt sich zur Strafe für eine Stunde auf den Dachboden beschränken wird. Den Gedanken des Teenagers, dass ihn die schlechte Note ein Jahr zurückversetzen wird oder dass der geliebte Mensch für immer von uns gegangen ist und wir ihm nicht mehr folgen können, weil der Tod uns scheidete. Die ultimative Einsamkeit wird in der Demenz erreicht, wenn der Soll-Zustand und der Ist-Zustand beide verschwinden und der Mensch vor sich hinvegetiert, ohne beides beurteilen zu können. In anderen Worten, auf den Schutz anderer angewiesen ist, wie der Säugling, für den der Soll-Zustand unendlich weit erscheint und die Grenzen nicht einmal in Ferne liegen – denn wer denkt bei Anfängen sogleich an ein Ende?

Aus maurerischer Sicht ist der Gedanke der Einsamkeit umso interessanter. In der K.d.st.N. werden wir bewusst alleine geführt – und doch hilft uns die kurz zuvor gespürte Anwesenheit der Brüder, welche uns dorthin begleitet haben, sowie eine räumlich klare und zumindest auf den ersten Blick vermutlich zeitlich begrenzte Zeit der Einsamkeit, ein Gefühl wahrzunehmen, welches vielen von uns als Alleinsein bekannt ist.

Nach Monaten des Lockdowns holt uns somit die Realität ein. Sie macht sich bemerkbar, weil der Soll-Zustand beginnt undeutlicher zu werden. Werden wir jemals wieder reisen können? Sehe ich meine Grosseltern jemals wieder? Kann ich jemals wieder italienisches Speiseöl in der Toskana kaufen? Werde ich jemals wieder einen Job finden? Ist der Himmel in Australien genauso grell wie hier?

Je stärker der Soll-Zustand verschwimmt, je weiter weg wir von Freunden, Familie, kulturellen und beruflichen Freiheiten sind, je weiter weg die Erinnerungen an Reisen und Abenteuer, desto stärker identifizieren wir uns ausschliesslich mit dem Ist-Zustand. Der Ist-Zustand nimmt überhand, wir wachen auf und der Tag ist Routine. Ein Kreis aus ein und derselben Aktion, tagein, tagaus. Bis wir ins Bett steigen und uns am nächsten Tag fragen, was wir am Vortag geleistet und Neues erlebt haben, messen wir Menschen unser Leben doch an der Einzigartigkeit von Ereignissen, wie der Geburt eines Kindes, der Heirat, dem ersten Kuss, der Fahrprüfung oder ganz banal – unserer Lieblingsspeise, die gewiss zu ebendieser gekürte wurde, weil sie in unregelmässigen Abständen serviert für eine stetige Unerreichbarkeit und eine kulinarische Sehnsucht sorgt. Die Vorfreude, so Kafka, ist ja nach allem die schönste Freude. Je stärker unser Soll-Zustand verschwimmt, desto grösser wird das Vakuum, welches er hinterlässt. Dieses Vakuum hinterlässt eine Lücke, welche zwei möglichen Optionen den Weg bereitet.

Option 1: Der alte Soll-Zustand wird wiederhergestellt. Der Traum von der Weltreise lebt wieder auf, der wöchentliche Besuch der Enkelkinder ist wieder möglich, die Klassenübereinkunft wird wieder in vollen Zügen mit reichlich Bier und Wein genossen. Die zweite Option ist das Errichten eines neuen Soll-Zustands. Einerseits Chance zur besseren Welt, andererseits potentieller Nährboden für Extremisten, Fantasten, Mythomanen, abstrakte Realitäten oder Resigniertheit und Depression. Wenn der einzige Lichtblick der Gang zum Psychiater ist, um neue Pillen verschrieben zu bekommen und der Spaziergang immer und immer wieder gleich abläuft, so steht es schlecht um den Soll-Zustand der Menschheit. Wenn unsere Vorfreude verschwindet, richtet sich unser Augenmerk auf das, was ausserhalb unserer vier Wände passiert. Und wir wissen alle, was die Vertreibung aus dem Paradies bedeuten könnte: Krieg, Verderben, harte, traurige, bittere Arbeit bis alles ausstirbt. Die Einsamkeit ist die Fahrt nachhause nach einer Entlassung. Das jahrelange Ausharren auf einer einsamen Insel. Der Weg Frodos um den Einen Ring zu zerstören. Das Lachen der Krähen wenn man vor Kälte erschaudert. Einsamkeit ist hart. Das Chaos.

 

 

Während Einsamkeit durch Sorge über die eigene Isolation gekennzeichnet ist, so definiert sich das Alleinsein durch die gewollte und kontrollierbare Isolation. Die Forschung hat gezeigt, dass Alleinsein sowohl positive als auch negative hocherregte Affekte verringert, entspannend ist. Aber nur dann, wenn dieses Alleinsein frei gewählt ist und wirklich ohne andere Personen stattfindet. (Nguyen et al. 2017)

Man denkt etwa an den Kriegsveteranen, der nach unzähligen Schlachten den Weg ins Kloster findet oder in den Bergen unter einem Wasserfall meditiert.

Wie Thomas Mann einst schrieb: «Das Alleinsein bringt das Original in uns hervor, die Schönheit, die unbekannt und gefährlich ist - die Poesie. Aber es gebiert auch das Gegenteil: das Perverse, das Illegale, das Absurde.»

In einer gross angelegten Studie der Journalistin und Teilzeit-Professorin der Boston University Claudia Hammond von 2016 wurden 18'000 Personen befragt, welche Aktivitäten als erholsam wahrgenommen würden. Zu meiner Überraschung landeten das Kochen oder das Gärtnern nicht unter den Top 10. Das Podest wurde von Lesen, Zeit in der Natur verbringen und dem Alleinsein besetzt. Ich begab mich also nachdem ich die Studie gelesen habe ins Berner Oberland, auf den Spuren Goethes, um beim knapp 300 Meter hohen Staubbachfall in der Nähe von Lauterbrunnen in der Natur ein gutes Buch zu lesen und Zeit alleine zu verbringen. Das Alleinsein erlaubt es, Gerüche, Geräusche und Gesehenes ganz anders wahrzunehmen. Zeit wird anders gespürt, die äusseren Einflüsse werden reduziert, der Druck, eine Antwort zu liefern fällt ab und die Erwartung, an Gesprächen teilzunehmen verschwindet. Und doch merkte ich, dass ich nachdachte. Über mich, mein Leben, mein Umfeld, meine Probleme, die Finanzen (ja, in dieser Reihenfolge), meine Arbeit, die Kolleginnen und Kollegen, die Nachbarn, meine Gemeinde, die Politik, Corona, die Blumen auf meinem Tisch und den Kaktus auf meinem Balkon, die viel zu enge Parklücke und den potenziellen Kratzer in meinem Auto und die damit verbundenen Kosten beim Spengler, inklusive des Anfahrtsweges und eines Nachmittags im Stau. 30% der Menschen denken und sprechen in ihrem Kopf wenn sie alleine sind.

Nur weil wir alleine sind und nichts tun, bedeutet das nicht, dass das Gehirn ruht. Neurowissenschaftler dachten früher, dass das Gehirn weniger aktiv ist, wenn wir uns nicht mehr auf eine Aufgabe konzentrieren. Aber Ende des 20. Jahrhunderts brachten Studien mit Hirnscannern einige merkwürdige Ergebnisse zu Tage und sie erkannten, dass sie sich geirrt hatten. Wenn wir uns ausruhen und vermeintlich nichts tun, neigen unsere Gedanken dazu, abzuschweifen, und unsere Gehirne sind in der Tat beschäftigter, wenn wir uns nicht auf eine Aufgabe konzentrieren, als wenn wir es tun. Heutzutage hört man häufig die Klage, dass Ruhe schwer zu finden ist. Was also, wenn wir nicht genug Zeit haben, um diese erholsamen Aktivitäten durchzuführen? Spielt das eine Rolle?

Wann sind wir in der Loge alleine? Wir sind es wiederum in der K.d.st.N., aber auch in unserem subjektivem Empfinden beim Anklopfen an die Pforte des Tempels. Unsere Augen bedeckt stehen wir – zumindest in unserer Wahrnehmung alleine, dennoch nicht einsam.

Das Alleinsein wird somit assoziiert mit einer transzendenten Form des menschlichen Daseins, mit einer Ruhe und Ausgewogenheit, mit einer bewussten, eigenen und daher mächtigen Entscheidung, niemanden sonst an seinem Dasein teilhaben zu lassen. Das Alleinsein ist Waffe und Schild zugleich. Eine Art Nirvana in unserem Kopf, bei dem jeder Atemzug zelebriert und jedes Geräusch tausendfach verstärkt erlebt wird. Die Einsamkeit ist Luke Skywalkers Kampf gegen Darth Vader, während das Alleinsein Yodas ewige Ruhe auf Yavin ist. Man schreit laut in die Welt hinaus, ohne das irgendjemand aufschreckt und sich beschweren kann, man sitzt stundenlang da und zeichnet die sich vermeintlich bewegende Natur, bis das Sonnenlicht verschwindet und der Tag uns zum Rückzug zwingt, nur um dann im Mondlicht Glühwürmchen zu beobachten und den Klängen der Nacht zu lauschen. Alleinsein ist toll. Alleinsein ist gesund. Alleinsein ist Luxus.

 

Ich sprach über den Ist- und Soll-Zustand des Menschen. Überkommt uns in unseren einsamen Momenten der Ist-Zustand, bis zur Unkenntlichkeit des Soll-Zustandes und seinem kompletten Verschwinden, so ist das Alleinsein der gute Zwilling. Das Alleinsein ist in seiner Momentaufnahme der ultimative Soll-Zustand, mutmasslich das nächste an dem Begriff der Schöpfung, wie wir geschaffen wurden. Und dieser Soll-Zustand hat genau wie der Ist-Zustand zwei Seiten. Je länger wir uns in dieser Transzendenz und Parallelwelt aufhalten, desto stärker verschwimmt der Ist-Zustand. Wir frohlocken in Weinfeldern. Wandern jahrelang umher, werden eins mit der Natur, lassen den Bart wachsen und die Fingernägel wuchern. Fristen ein einfaches Dasein am Fusse eines Berges, verzichten auf jegliche Reize der modernen Welt. Sind wir selbst, in unserer reinsten Form. Das ist Alleinsein, das bedeutet es, alleine sein zu wollen. Und so wie der Soll-Zustand verschwimmen kann, so kann der subjektive Ist-Zustand anfangen zu verschwimmen. Nach Jahren des Alleinseins verlernen wir die Sprache, vergessen unsere Herkunft, unsere Gepflogenheiten, wollen nicht mehr sehen, was um uns herum passiert. Das Nirvana hat einen Abgrund. Und auch hier wird dieser Zustand je aus der Balance gerissen. Eine Konfrontation mit einem Fremden, eine Krankheit oder aber der Sonnenuntergang lässt uns realisieren, dass wir zu lange in einer anderen, schöneren, besseren Welt verharrten. Wenn der Ist-Zustand verschwindet, entsteht ein Vakuum. Auch dieses muss gefüllt werden. Abermals gibt es zwei Optionen. Option 1: Der allgemeine Ist-Zustand ist nicht allzu lange her, ein paar Sekunden, Minuten, Stunden oder Tage – Ferienfeeling vergeht und der Schritt zurück in die alte Realität erscheint leicht. Option 2: Der alte Ist-Zustand liegt fern. Es gibt keinen Weg ins alte Leben, es ist zu lange her. Ein neuer Ist-Zustand muss her. Abermals Nährboden für mögliche Spinnereien und absurde Theorien. Aluhüte, Verschwörungstheorien, Totalabsturz, bestenfalls umrahmt von lauten Ansprachen im Speakers Corner vom Londoner Hyde Park und schlimmstenfalls resultierend in Massakern und Verdammnis.

Die Grenze – wie ihr seht – zwischen Einsamkeit und Alleinsein verläuft nicht gerade und ist keineswegs klar. Es ist eine Gratwanderung, ein Taumel zwischen Leben und Tod, Realitätsverlust und Läuterung. Was uns die Pandemie lehrt, ist wie dünn das Eis wirklich ist.

Die Situation bedarf Willenskraft. Sollte diese nicht vorhanden sein, so müssen wir uns des Risikos bewusst sein, dass Gesellschaften auseinanderbrechen können. Das gegenseitige Vertrauen ist das Fundament funktionierender Systeme, welcher mittels persönlichem Kontakt viel einfacher aufgebaut und gepflegt werden kann. Es besteht die Gefahr, dass wir uns desozialisieren, dass unsere Kinder aufhören zu wissen, wie Unterricht ohne Maske ist oder wie Kindergeburtstage gehen. Es besteht das Risiko, dass auch wenn die Pandemie vorbei sein wird, der Mensch in seinem kleinen abgrenzbaren vermeintlichen Mini-Paradies bleiben will und sich nicht mehr vor die Tür wagt: Aus Faulheit, Bequemlichkeit, Angst oder einfach nur, weil er es kann. Wir müssen uns mit der Möglichkeit konfrontieren, dass es nie wieder so sein wird wie früher, dass die Welt auf eine wirtschaftliche Katastrophe zusteuert und alles in Flammen aufgeht. Dass Eltern ihren Kindern wegen eines Meetings im Home-Office die Tür vor der Nase schliessen und ständig am Telefon rumfummeln. Dass wir nicht miterleben werden, wie unsere Eltern, Grosseltern und Brüder und Schwestern von uns gehen: einsam und isoliert. Wir werden lernen müssen, unseren Soll-Zustand wiederherzustellen. Denn die dritte, vorhin unerwähnte Option ist nämlich das Aufleben eines besseren, edleren und ehrlicheren Soll-Zustands. Eines Soll-Zustands, der uns besser als je zuvor erlauben wird, diesen anzustreben und dabei trotz alldem in dieser, für uns einzigen Welt zu bleiben.

Bis es so weit kommt gilt es: Im Kontakt bleiben. Ich erwähnte zu Beginn die Studien an Astronauten und ihrer Zeit im All.

Die Internationale Raumstation (ISS) ist seit fast 17 Jahren ununterbrochen mit wechselnden Besatzungen besetzt. Die NASA ist also gut gerüstet, um mit den alltäglichen Frustrationen umzugehen. Die NASA empfiehlt ihren Astronauten das Gärtnern, das gemeinsame Kochen und einen ständigen Austausch mit Freunden und Familie. Angesichts von 40 Minuten Verzögerung bei der Übertragung der Frequenzen auf Mars-Missionen eine echte Herausforderung, doch sie wird bewältigt. Auch Bewegung kann die Sinne stimulieren, was eine weitere wichtige Entlastung vom Druck des Lebens im Weltraum darstellt. Virtuelle Reisen mittels Virtual Reality-Brillen oder 3D-Simulatoren werden erforscht, um der Enge der Raumstation zu entfliehen. Wie die NASA-Experten können auch wir unseren Körper und Geist stählen, uns beibringen, uns mit uns selbst zu beschäftigen und die Einsamkeit in produktives Alleinsein verwandeln. Es ist möglich. Wir sind die Navigatoren unseres Lebens und wir haben die Macht zu entscheiden.

Dies ist eine Chance. Die Pandemie bietet Chancen. Wann jemals zuvor konnten Eltern die schwierigen Stunden im Auto auf dem Arbeitsweg gegen Qualitätszeit mit ihren Liebsten eintauschen. Wir haben die Möglichkeit, eine Renaissance der Familie zu erleben, wenn wir nur wollen. Wir sind in der Lage, weltumspannende Beziehungen aufzubauen, diese digital zu pflegen und uns mit Disziplin dazu anzuhalten, klare Grenzen zwischen Arbeit und Familie zu ziehen. Wir werden flexibler werden, wir werden härter werden als je zuvor. Not macht erfinderisch.

Zürich, März 2021